[ Der folgende Artikel stammt aus der Happy Computer 5 / 1988 auf Seite 162. Der Artikel gibt nicht gerade meine Meinung und Erfahrungen wieder, aber er ist ein interessanter Kontrastpunkt zum üblichen "Ach, war der Amiga schön" . Anm. von Kufi ]
Denken Sie daran, sich einen Heimcomputer zu kaufen, und liebäugeln Sie dabei mit dem Amiga? Dann empfehlen wir Ihnen, den Bericht über die Erlebnisse unseres Redakteurs Henrik Fisch mit seinem neuen Amiga zu lesen. Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung noch, vielleicht kaufen Sie ihn gerade wegen seiner Eigenheiten.
Jetzt steht bei mir, dem eingeschworenen Atari-XL-Anhänger, doch tatsächlich ein Amiga 500. Meine Freunde aus der Atari-Clique sehen darin ein Sakrileg, ja fast einen Akt des Verrats. Unerschrocken und im Hinterkopf die tollen Grafik- und Soundeigenschaften des Amiga bin ich jedoch in den Computerladen gegangen und kam um einige Hunderter leichter, dafür aber mit einen 500er bepackt wieder heraus.
Zu Hause angekommen musste ich das Ding natürlich sofort ausprobieren. Amiga mit Netztrafo verbinden, Netztrafo mit Netz verbinden, Amiga einschalten. Einschalten? Wo ist der Netzschalter? Laut Handbuch hinten rechts am Computergehäuse. Nach kurzem Herumtasten finde ich an angegebener Stelle einen Knopf: den Diskettenauswurf. Der Netzschalter ist am Netztrafo, und den habe ich platzsparend hinter dem Sofa verstaut. Nach einer Gymnastikübung erwacht der Amiga mit schnurrendem Diskettenlaufwerk zum Leben.
Unfreiwillige Gymnastikübungen
Da ich keinen Farbmonitor besitze, borge ich mir vorerst den Amiga-Fernseh-Modulator. Wenn der Atari XL am Sony-Fernsehgerät ein besseres Bild bringt als so mancher Billig-Farbmonitor über Videoeingang, wird der High-Tech-Amiga diesem in nichts nachstehen. Der Sendersuchlauf findet ohne Probleme das Amiga-Bild: eine weiße Hand, die eine graue Amiga-Workbench-DIskette im Schneesturm festhält. Erst nach geduldigem Nachregeln des manuellen Sendersuchlaufs entlocke ich dem Sony ein Farbbild. Allerdings mit einem hartnäckigem Grauschleier. Zudem bekommt der Modulator nach einer halben Stunde elektronischen Schluckauf: Er verliert immer wieder die Farbe. Nach einer Stunde lässt sich auch mit sanftem Rückenklopfen nichts mehr machen. Der Bildschirm bleibt schwarzweiß. Ein Freund rät mir, dass der Modulator scheinbar zu warm wird, und rät mir, den Modulator offen zu betreiben. Und tatsächlich: es klappt. Ein leichter Schneeregen ist zwar immer noch zu sehen, aber was will man von einem Computer, der mit Modulator rund einen Tausender kostet, schon erwarten?
Am nächsten Tag kaufe ich mir einen Commodore 1084 Farbmonitor. Eine durchärgerte Nacht mit dem Modulator reicht mir. Nicht nur, dass das beige Kästchen von Modulator 10 Zentimeter vom Computer abstand und damit bei jedem Verrücken des Computers sämtliche Stifte und andere Schreibtisch-Utensilien durcheinanderwirbelte. Nein, es rutscht auch ständig aus der Amiga-Buchse. Beim erneuten Einstecken glaubte der Amiga, ich hätte ihn gerade eingeschaltet und lädt von der Diskette erneut die Workbench.
Doch jetzt steht vor mir der neue Monitor. Am 1084 kann ich neben dem Amiga auch den Atari XL betreiben. Zwei weitere Kabel lagen dem Monitor bei, eins für den Anschluss an einen PC und eins für den C64. Nur das Kabel, auf das es mit ankommt, macht Ärger. Mir ist unverständlich, wie ein Kabel, in dem theoretisch nur sechs Adern des RGB-Anschlusses liegen, so unflexibel sein kann. Dadurch rutscht der SCART-Stecker bei jedem verrücken des Amiga aus der Buchse am Monitor, so das das Bild die laufende Panik bekommt oder sich beleidigt einfarbig zeigt. Trotz dieser Probleme verträgt sich der Amiga mit dem 1084 besser als mit dem Fernseh-Modulator. Fordernd zeigt mir die Hand die blaustrahlende Workbench-Diskette.
Nachdem ich die Diskette einlege verschwindet beruhigenderweise die Hand. Dafür fing das LAufwerk ganz fürchterlich an zu rattern. Solche Geräusche war ich bisher nur von Computern beim Formatieren einer Diskette gewöhnt. Verständlicherweise beruhigt mich das Verhalten des Diskettenlaufwerks gar nicht. Nach 30sekündigem gebannten Laden erscheint dann die vielgerühmte Intuition-Benutzeroberfläche.
Sechs Diskettenwechsel zur Kopie
Mit meiner ersten Amtshandlung wollte ich die Workbench-Diskette kopieren, auf dass ich nur noch die Kopie verwende und das Original sicher verwahre. Laut Handbuch soll man das Symbol der zu kopierenden Diskette mit dem Mauszeiger auf die Kopie legen. Nur war nirgends ein Symbol für die Kopie zu sehen. Zwar war da ein Symbol für die RAM-Disk, in die ich vorerst den Disketteninhalt kopieren könnte. Mit rund 300 freien KByte dürfte ich wohl kaum die gesamte Diskette kopieren können. Nach einigem Probieren kam ich dann dahinter, dass ich erst noch die leere Diskette für die Kopie einlegen muss. Diese erscheint nach kurzer Zeit unter "DF1:BAD". Jetzt nehme man das Workbench-Symbol, lege es auf BAD und schon ist, nach sechsmaligem Diskettenwechsel, die Kopie fertig. Hätte ich das Handbuch gewälzt, wüsste ich, dass ich mit der rechten Maustaste im Workbench-Pull-Down-Menü auch den Punkt "Duplicate" hätte anklicken können. Handbücher sind anscheinend auch bei einer Benutzeroberfläche nötig, bei der man, laut Commodore, intuitiv arbeiten kann.
Mein nächstes Erlebnis lässt in mir langsam leise Zweifel entstehen, ob ich mir nicht den falschen Computer gekauft habe. Die Kopie der Workbench trägt den Namen "Copy of A500 WB 1.2D". Ich will das in "A500 WB1.2D" umbenennen. Dazu wähle ich mit dem Mauszeiger im Disk-Menü den Befehl "Rename". Es erscheint eine Zeile, in die der Name eingetragen wird. Mit <RETURN> beende ich die Eingabe. Ein Blick auf die "Drive"-Leuchte verrät mir, dass das Laufwerk still steht, also ziehe ich die Diskette heraus. In dem Moment springt das Laufwerk an. Der Amiga, seiner Diskette beraubt, meckert sofort los - er will seine Diskette wiederhaben. Bereitwillig lege ich sie ins Laufwerk, worauf der Computer mit unschuldigem Fenster die belanglose Meldung ausgibt :"Disk Structure Corrupt - use Diskdoctor to correct it". Was erwartet die Kiste von mir? Ich habe den Amiga jetzt zwei Tage im Betrieb. Woher soll ich wissen, wie man den "Diskdoctor" benutzt? Und wo finde ich den überhaupt?
Hellsehen mit Intuition
Ich wühle mich also mit wundgeklicktem Finger durch sämtliche Workbench-Programme und Unterverzeichnisse. Vom Disk-Doctor keine Spur. Gibt es denn beim Amiga keine direkte Eingabe mit der Tastatur? Die gibt es: in Form eines Extra-Programms. Ich finde die Beschreibung des CLI nach mehreren Minuten Suche im Handbuch. Mit Hilfe des CLI finde ich auch den DiskDoctor in einem mit "c" bezeichneten Unterverzeichnis. Keine Ahnung, warum dieses Verzeichnis nicht auf der Workbench erscheint. Aus dem Handbuch erfahre ich nach weiteren Nachforschungen, dass jedes Programm und Unterverzeichnis sein individuelles Bildchen auf der Workbench hat. Das Bild muss als eine ".info" genannte Datei auf der Diskette sein. Fehlt das Bild für ein Programm oder Unterverzeichnis, erscheint auch nichts auf der Workbench. Obwohl das Programm auf der Diskette ist, kann man es auf der Workbench nicht anklicken. Langsam erahne ich die tiefere Bedeutung des von den Amiga-Konstrukteuren gewählten Namens für die Amiga-Benutzeroberfläche. "Intuition" heißt "Eingebung". Es ist erfreulich, dass Commodore mit dem Betriebssystem hellseherische Fähigkeiten von Heimcomputer-Besitzern schulen will. Wie dem auch sei, fast hätte ich Commodore eine nette Firma sein lassen, und den Amiga aus dem Fenster geworfen.
Nur meine inzwischen durch den Monitor auf rund 1600 Mark angewachsenen Ausgaben halten mich von diesem Schritt ab. Zudem hatte ich das BASIC noch nicht ausprobiert. Auf der zweiten Diskette finde ich das Amiga-Basic. Mein nächster Griff gilt dem Basic-Handbuch, denn vor meiner ersten Programmzeile muss ich wissen, wie man den Interpreter bedient. Die nächste Stunde verbringe ich mit lesen und staunen. Ich glaube, dieses BASIC ist eines der komplexesten, das es für Heimcomputer gibt. Während meiner Lektüre reifen in mir Ideen über Programmierprojekte in AmigaBASIC. Ich lege das Buch griffbereit beiseite und widme mich wieder dem Computer. Doch was ist das? Nach der ersten eingetippten Zeile spielt der Computer verrückt, zeigt einen weißen Bildschirm und fordert mich erneut auf, die Workbench einzulegen. Als hätte ich ihn gerade eingeschaltet. Alles bisher eingetippte war damit wieder zum Teufel. Allerdings bin ich selbst schuld. Welche Freundin bleibt schon gerne unbeobachtet eine Stunde in der Ecke sitzen? Dem Amiga gefiel mein Verhalten anscheinend auch nicht.
Eine letze Chance, mein Geld nicht aus dem Fenster geschmissen zu haben, sehe ich in den vielgerühmten Grafik- und Soundfähigkeiten des Amiga. Ich kaufe "Deluxe Paint II" und "Sonix", die ich beide schon in Aktion gesehen habe und ich bin begeistert. Es bringt einfach irren Spaß, mit 32 Farben gleichzeitig auf dem Bildschirm herumzumalen. Zudem gibt es derart viele hilfreiche Funktionen, dass eigentlich kein Bild misslingen kann.
Ähnlich beeindruckt bin ich von Sonix, spiele ich doch seit einigen Jahren Synthesizer und suche ständig eine Begleitung. Haben Sie den Amiga schon einmal über eine Stereo-Anlage gehört? Wenn nicht, holen sie es schleunigst nach, es lohnt sich.
Leider gibt es für den Amiga noch nicht die Anzahl an Spielen, die es für andere Computer wie C64 oder Atari ST gibt. Dennoch hoffe ich, dass Softwarehersteller die Grafik und Soundeigenschaften des Amiga nutzen. Ich wage gar nicht an Spiele zu denken, die bei konsequenter Ausnutzung der Hardware möglich sind.
Spielmaschine oder Supercomputer?
Trotzdem beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl, habe ich doch 1600 Mark für einen Spielcomputer ausgegeben. Denn für Textverarbeitung oder andere ernste Anwendungen nehme ich doch lieber einen anderen Computer mit besserer Bildschirmdarstellung. Zudem gibt es für meinen Geschmack beim Amiga zu viele unbegründete Abstürze, als dass ich dem Computer wichtige Informationen anvertraue. Wenn Commodore nicht so viele Fehler beim Amiga zugelassen hätte, wäre er sicher der Standard der neuen Computergeneration geworden. So ist er für mich das, wofür er von den Amiga-Entwicklern ursprünglich gedacht war: eine tolle Spielemaschine und kein Supercomputer.
(Henrik Fisch)












